Ein Leben ohne Maske

Warum setzt du dir eine Maske auf?
Nein, ich meine nicht den Mund-Nasen-Schutz vor Corona. Ich meine den Selbst-Sein-Schutz vor deiner Angst. Die Maske, die du trägst, wenn du nicht den Mut hast, du selbst zu sein, wenn du eine Rolle spielst und dich verstellst - aus Angst davor, was andere von dir denken oder erwarten (könnten).

Als Fußballprofi war meine Maske mein Trikot. Sobald ich es mir überstreifte, musste ich zum Superhelden mutieren (so gut das in der österreichischen Bundesliga halt geht). Der aufstrebende Nationalspieler, Leistungsträger und Sunnyboy. Immer cool, stark und souverän. Auf meinem Superman-Trikot ganz viele Pickerl von Sponsoren, die erwarteten, dass ich ihr Logo mit starken Leistungen im TV präsentierte. Oft ging das auch gut. Gerade gut genug. Gerade zum Stammspieler in der Bundesliga aufgestiegen, wollte mich mein Manager schon wieder ins Ausland verkaufen. Gerade mit dem Nationalteam den vierten Platz bei der U20-WM in Kanada erreicht, sollte ich eigentlich schon fürs A-Nationalteam auflaufen.

Das war nicht nur sehr anstrengend, sondern oft auch überfordernd. Wenn du im Außen dauernd den starken Leistungsträger spielen musst, obwohl du in dir drin oft mit der Angst vorm Versagen kämpfst. Diese innere Zerrissenheit führte schon bald auch zur äußeren. Am Höhepunkt meiner Karriere riss mein rechtes Kreuzband.

So wie der Körper uns immer zeigt, wenn etwas nicht in Balance ist.

Unser Körper ist eh ein sehr sensibler Lehrer. Oft zeigt er erste Anzeichen des Selbst-Verrates durch leichte Symptome wie Müdigkeit, Kopfweh oder leichtes Fieber. Aber wenn wir diese nicht ernst nehmen und nicht versuchen, sie zu verstehen, dann wird es immer schlimmer. Viele Menschen ziehen erst die Reißleine, wenn ihnen das Leben eine ordentliche Watschn gibt. Manche landen im Burn-out, andere mit einem Kreuzbandriss im Krankenhaus. Einer reichte bei mir nicht. Es mussten drei sein. Und mit jeder Reha gewann ich mehr Abstand zu meinem Hamsterrad und dementsprechend Raum für Fragen wie diese:

Wer bin ich eigentlich? Und was will ich wirklich?

Initiiert durch den Entschluss meines Karriereendes mit 25 Jahren, begleitet durch einen Coach und herausgefordert durch viele Fragen, spannende Herausforderungen und neue Begegnungen habe ich in den letzten Jahren meinen eigenen Transformationsprozess in ein Leben ohne Maske gemacht. Eigentlich viel mehr gestartet, wohlwissend, dass es sich bei diesem Prozess nicht um ein Ziel, sondern um einen Prozess handelt. Endlich muss ich keine Durchbrüche mehr schaffen oder Karrieresprünge mehr hinlegen. Ich darf langsam und bewusst gehen, Schritt für Schritt herausfinden, wer ich wirklich bin und immer öfter – und das finde ich noch schwieriger – auch den Mut haben, tatsächlich danach zu handeln. 

Natürlich verstecke auch ich mich nach jahrelanger Konditionierung noch öfter hinter der Maske. Aber zumindest erkenne ich sie immer öfter. Und wenn nicht ich, dann meine Frau, die mich dann wieder erinnert, dass sich "der Fußballer" wieder mal mit einem blöden Schmäh gezeigt hat oder dass "der kleine Peter" wieder mal einem Konflikt aus dem Weg gegangen ist. In manchen Situationen kann es sogar sinnvoll sein, dich ganz bewusst mit der Maske zu schützen, weil du vielleicht noch nicht soweit bist, die Konsequenzen der puren Wahrhaftigkeit auszuhalten.

In meine Transformations-Trainings kommen viele außergewöhnliche Persönlichkeiten, die erfolgreich sind, aber nicht wirklich glücklich und zufrieden. Menschen, bei denen - so wie bei mir früher als Fußballer - das Außen und das Innen nicht in Balance sind.

Menschen, die nicht den Mut haben, das zu tun, was sie wirklich wollen, das zu sagen, was sie wirklich denken, das zu zeigen, was sie wirklich spüren. Menschen, die nicht den Mut haben, der Mensch zu sein, der sie wirklich sind.

Was macht es uns so schwer, authentisch zu sein? Warum ist es uns so wichtig, was andere von uns denken? Warum wollen wir keine Schwäche zeigen? Es ist vor allem der Glaubenssatz, nicht gut genug zu sein, übernommen von unseren Eltern, geprägt durch die Schule, den (Leistungs-)Sport oder das Arbeitsleben. Dieses ständige Höher-Schneller-Weiter und Immer-Mehr, das unendliche Streben nach (Selbst-)Optimierung und Wirtschaftswachstum.

Zu wissen, woher deine Ängste kommen, könnte der erste Schritt sein, eine Einladung des Lebens, tiefer in deine Persönlichkeit einzutauchen, um dich besser kennen und in Folge schätzen zu lernen. Immerhin kannst du kein Selbstvertrauen entwickeln, wenn du dein Selbst gar nicht erst erkennst. Je mutiger du bist, um deine wahren Gefühle auszuleben und deine Gedanken offen und ehrlich auszusprechen, desto näher kommst du deinem Selbst. 

Du wirst schnell sehen und spüren, in welchem Umfeld dir das möglich ist. Sorgen bestimmte Menschen oder Situationen dafür, dass du dir wieder eine Maske aufsetzt, dann sind das entweder die besten Übungen für dich, herauszufinden warum du das machst oder es ist an der Zeit, dich von diesem Umfeld zu befreien, um Raum für das zu schaffen, wo du dich entfalten und verwirklichen kannst.

Was bringt es dir, dich auf die Reise zu machen?

Vorweg: Der größte Schatz liegt oft in deinem größten Schmerz. Dementsprechend kann der erste Schritt auch unangenehm werden. (Muss er aber nicht.) Wenn du Schritt für Schritt den Mut aufbringst, im Außen zu leben, was du im Innen spürst, wirst du in der Folge mit Leichtigkeit und Freude durchs Leben gehen, in Liebe und Verbundenheit mit deinem Umfeld. Du wirst nicht mehr mit den Symptomen an der Oberfläche kämpfen müssen, sondern mit dem Ursprung deines Seins spielen dürfen. Aus dieser Quelle deines größten Potenzials wirst du eine einzigartige Kraft entwickeln. Die Amerikaner haben eine schöne Redewendung dafür: "Enjoy yourself".

"Dein Selbst nicht kennenzulernen, ist, wie ein Armer, der nichts von seinem 100-Mio-Euro-Konto weiß.“ - Eckhart Tolle

Was aus dieser inneren Kraft im Außen alles entstehen kann, kannst du dir vorher nicht einmal erträumen: Vielleicht 100 Millionen Euro, vielleicht eine wunderschöne Beziehung, vielleicht tiefe Freundschaften, neue Leidenschaften oder aufregende Abenteuer. Auf jeden Fall aber ein Leben in Fülle, ein Leben in Liebe, ein Leben ohne Maske.

Auch meine Träume haben sich dahingehend verändert. Früher waren das konkrete Zahlen wie Tore, Titel und Prämien, heute sind es abstrakte Gefühle wie Liebe, Freude und Zufriedenheit. Aber auch Wut, Trauer oder Ent-Täuschung. Klingt komisch, aber auch die "negativen" Gefühle bereichern mein Leben sehr, seit ich sie annehme und bewusster auslebe. Freunde und Bekannte berichten mir oft, dass ich heute viel gelassener wirke als noch vor ein paar Jahren. Vielleicht weil ich das Gefühl habe, nichts mehr nachjagen zu müssen, sondern angekommen zu sein - sowohl privat als auch beruflich.

Durch das tiefe Graben in mein Innerstes und das Ablegen meiner Maske ist auch viel mehr Raum für mein Gegenüber entstanden. Das ermöglicht mir zum Beispiel, wirklich zuzuhören - vielleicht die wichtigste Fähigkeit für meine Beziehungen als Papa, Partner, Freund und Transformations-Trainer. Das Zuhören als Basis, um die Verbundenheit zu spüren, die richtigen Fragen zu stellen und zwischen den Zeilen zu lesen.

Wie geht's dir mit der Maske? Wer bist du, wenn niemand zuschaut? Was macht dich einzigartig?

Enjoy yourself,
Peter

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*Ich bin bewusst schlampig mit dem Gendern. Im Sinne der schöneren Formulierung entscheide ich mich manchmal nur für die männliche oder nur die weibliche Form – gemeint sind aber immer beide.

phack